Warum ich 2026 bewusst Schwarzweiß fotografiere
Die Welt hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Manchmal hat man das Gefühl, alles sei bereits erfunden. Alles bereits gesehen. Alles bereits gesagt.
Als ich zur Schule ging, war Wissen an Bücher gebunden. Man musste lesen, vergleichen, verstehen. Geschichten entstanden im Kopf. Bilder waren etwas Besonderes – selten, wertvoll, teuer.
Dann kam das Internet. Später Wikipedia. Und heute: Künstliche Intelligenz.
Ein kurzer Text reicht und ganze Essays entstehen. Ein paar Stichwörter und perfekte Bilder erscheinen. Landschaften, Modeshootings, Porträts. In perfekten Farben. Perfekt komponiert. Perfekt erklärt. Die passende Caption gleich dazu.
Man bewegt sich keinen Zentimeter und ist trotzdem „fertig“.
Warum also gehe ich raus?
Warum erstelle ich Moodboards?
Warum investiere ich Stunden, Tage, Jahre in Fotografie –
oft bewusst in Schwarzweiß?
Ich könnte es mir einfacher machen. Farbe. Schneller Workflow. Mehr Likes. Aber unsere Welt ist nicht perfekt. Viele empfinden Sonne als das perfekte Wetter. Dabei weiß jeder, dass tägliche Sonne irgendwann eine Wüste erschafft.
Das Leben findet nicht dort statt, wo alles glatt ist. Es findet dort statt, wo etwas fehlt. Wo etwas reibt. Wo man noch nicht war. Man lernt Menschen nicht kennen, indem man sie generiert. Man begegnet ihnen, indem man hinsieht.
Reduktion ist kein Verlust.
Farbe ist Information. Und Information kann ablenken. Wenn man Farbe entfernt, bleibt das Wesentliche:
Licht.
Schatten.
Struktur.
Blick.
Haltung.
Ein Gesicht wird nicht „schöner“. Es wird ehrlicher. Ein Bild schreit nicht. Es bleibt.
Schwarzweiß zwingt zum Hinsehen.
Ein gutes Schwarzweißbild funktioniert nicht über Effekte. Nicht über Trends. Nicht über Perfektion. Es funktioniert über Präsenz.
Was löst dieses Bild in mir aus?
Welche Frage bleibt offen?
Warum bleibe ich stehen?
Peter Lindbergh wusste das längst. Er sagte sinngemäß, dass Farbe oft vom Wesentlichen ablenkt. Dass sie manchmal mehr verdeckt als zeigt. Warum sollte ich also bewusst Ablenkung einbauen?
Schwarzweiß ist kein Stil. Es ist eine Entscheidung. Gegen Überreizung. Gegen Beliebigkeit. Für Reduktion. Für Wahrheit.
Und genau deshalb fasziniert es mich heute mehr denn je.
Marko Vulic
The Fine.Art of Reduction