Studenica – Warum manche Orte nur flüstern
Man betritt einen Ort und muss, ob man will oder nicht, leiser werden.
Man spricht nicht mehr. Man flüstert. Nicht aus Angst. Sondern aus Respekt.
Die Ruhe ist nicht leer. Sie ist dicht. Sie durchdringt einen.
Man weiß sofort:
Das ist kein beliebiger Ort.
Das ist ein Ort aus einer anderen Zeit.
Aus einer Zeit, in der Werte mehr galten als Bequemlichkeit.
Manchmal sogar mehr als das eigene Leben.
Als ich mich umsah, wurde mir bewusst, wie alt die Steine sind, die ich gerade fotografieren wollte. Und plötzlich war sie da, diese Frage, die sich nicht mehr verdrängen ließ:
Darf ich das überhaupt?
Darf ich einen Ort wie diesen auf den Sensor meiner Kamera bannen?
Die Antwort kam leise. Aber sie war klar. Ja.
Schöne Bilder von Klöstern gibt es genug. Echte. Und künstlich generierte. In perfekten Farben. Mit perfektem Licht. Mit tausenden Likes.
Ob diese Orte wirklich existieren? Ob jemand jemals dort war? Das scheint kaum noch eine Rolle zu spielen.
Doch kein generiertes Bild der Welt, und kein noch so perfektes Foto, kann das ersetzen, was man hier spürt, wenn man wirklich dort steht.
Ich fotografierte Studenica zuerst in Farbe. Ich betrachtete die Bilder. Und merkte sofort: Ich fühlte nichts.
Nicht, weil sie schlecht waren. Sondern weil etwas Wesentliches fehlte.
Vielleicht hätte dramatischeres Wetter geholfen. Mehr Wolken. Mehr Kontrast. Mehr Inszenierung.
Aber braucht es das wirklich? Nein.
Was es braucht, ist Reduktion. Das Weglassen von allem, was ablenkt. Und die größte Ablenkung war, wieder einmal, die Farbe.
In dem Moment, in dem ich die Bilder auf Schwarzweiß reduzierte, änderte sich alles. Plötzlich war es wieder da. Dieses Gefühl.
Licht.
Schatten.
Struktur.
Zeit.
Ich sah nicht mehr das Bild. Ich spürte es.
Der 27. Jänner ist der Gedenktag des Heiligen Sava – einer der Menschen, die diesen Ort geprägt haben.
Marko Vulic
The Fine.Art of Reductio